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Die lange Schicht zu Ehrenfriedersdorf

in Sagen, Mythen und Legenden aus Sachsen 24.10.2011 21:14
von ~ik~ • Ghostship | 1.317 Beiträge

Die lange Schicht von Ehrenfriedersdorf
Ehrenfriedersdorf, Erzgebirge
Einst lebte in der Bergstadt Ehrenfriedersdorf ein junger Bergmann namens Oswald Barthel, des alten Bergmanns Michael Barthel Sohn, der von seinem Vorgesetzten sehr geschätzt war, daß ihm der reiche Obersteiger Baumwald seine einzige Tochter Anna verlobte.
Nun sollte er im tiefen Stollen Gutes Glück im Sauberge anfahren, um einen Durchschlag zu machen, welches wegen des entgegenstehenden Wassers unter die gefährlichsten Arbeiten des Bergbaues gehört. Er, und diejenigen seiner Kameraden, welche die Reihe hierzu traf, traten nun, nachdem sie zuvor mit ihrem Steiger gebeichtet und das heilige Abendmahl genommen hatten, am Tage Sankt Katharinä im Jahre 1508 die Fahrt mit einem herzlichen "Glück auf!" an.
Als sie an dem gefährlichen Punkte angekommen waren, ward die Arbeit sofort in rolliger, sehr gebrechlicher Bergart betrieben und das Einstürzen des Firstes durch Zimmerung verhütet. Die Last war groß, die auf ihr ruhte. Und als der Steiger, etwas zurückstehend, eben eine Anordnung treffen wollte, hörte er ein heftiges Krachen in der Firsten-Zimmerung und im nächsten Augenblick ein gleiches.
"Brüder, rettet Euch!" rief er schnell, "es macht einen Bruch!" Diesen Ruf folgten alle in großer Eile. Nur Oswald, der jüngste und rascheste von ihnen verharrte auf eine bis jetzt unbegreiflich gebliebene Weise an der Wand und wurde verschüttet. Zwar gab man sich die unsäglichste Mühe, den armen Oswald zu retten, und immer neue Arbeiter lösten die bereits ermatteten ab, aber vergebens. Es brach immer mehr vom Berge nach und der Unglückliche ward nicht wieder gefunden.
Als nun die Braut des armen Bergmanns die Kunde vernahm, sank sie zuerst in eine Tiefe Ohnmacht, aus der sie nur wieder erwachte, um in eine tödliche Krankheit zu verfallen. Zwar besigte ihre Jugendkraft dieselbe, und sie ward dem Leben erhalte, allein, als sie nach ihrer Genesung zum ersten Male wieder die Kirche betrat, brachte sie am Altar der hochheiligen Mutter des Herrn das gelübte, ihrem Oswald treu zu bleiben und ihr Leben lang nicht zu heiraten. Dann hing sie ihren Brautkranz mit eigener Hand unter den Totenkränzen in der Kirche auf und lebte in tiefster Stille, den Segen der Armen durch barmherzige Taten verdienend.
So gingen denn seit jenem Unglückstage viele Jahre dahin und zuletzt waren nur noch die jungfräuliche Braut, sowie ein Bergmann, Balthasar Thomas Kendler, in Ehrenfriedersdorf wohnhaft, von allen denen übrig, die damals das unglückliche Ereignis mit ansehen hatten.
Da fügte es sich, daß in Brünlers Fundgrube am Sauberge ein Stollen bewältigt wurde. Und als man in die siebente Lachter im rolligen Gebiirge vorgerückt war, stieß man auf einen in der Erde eingeschlossenen menschlichen Körper, der, noch von der Verwesung unversehrt, in seinem Grubenkittel, in der ledernen Bergkappe, desgleichen mit seinem Gezäh, seiner Unschlitt-Tasche und den Zscherper aufgefunden ward. Mit viel Mühe machte man ihn von seiner drängenden Umgebung frei und schaffte ihn nach dem Tagesschachte.
Diese Begebenheit wurde sogleich dem damaligen Bergmeister Valentin Feige gemeldet, welcher den Geschworenen Thomas Langer rufen und den oben genannten Greis an Bergamtsstelle bescheiden ließ. Der mann sagte nun aus, daß er sich wohl erinnere, wie einst, vor nunmehr sechzig Jahren, ein junger Bergmann namens Oswald Barthel, in der Gegend, wo der Leichnahm jetzt gefunden worden, so verfallen sei, daß ihn niemand habe retten können.
Un als man den Leichnahm brachte, erkannte er ihn als den Verschütteten. Diese Wiederfinden geschah am 20. September 1568, so daß der Verschüttete 60 Jahre, 9 Wochen und 3 tage in der Erde gelegen hatte, als man ihn ausgrub, worauf er am 26. desselbigen Monats mit einem feierlichem Leichenbegräbnis wieder zur Erde bestattet wurde, welche ihn schon lange verborgen hatte. Es war ein Begräbnis, wie Ehrenfriedersdorf noch keines gesehen hatte. Der leichenzug bestand aus Tausenden, die herbeigekommen waren, um dem so wunderbar wiedergefundenen Bergmann das letzte Geleit zu geben.
In der Gedächtnispredigt, welche der damalige Ortspfarrer M. Georg Raute hielt, sagte derselbe am Eingange, es sei eine wundersame Mär, daß er, der Pfarrer, der im einunddreißigsten Jahre stehe, heute einer Leiche die Gedächtnispredigt halte, die schon dreißig Jahre vor seiner Geburt gestorben sei.
Als das Leichenbegräbnis beendet war, wankte Oswalds Braut Anna, geleite von dem Bergmeister und dem Pfarrer in ihre Wohnung zurück. Hier bat sie, daß man ihr den Brautkranz aus der Kirche wiedergeben. Und der Bitte ward ihr gewährt. Am nächsten Sonntagsmorgen genoß sie in der Kirche das Abendmahl, die längste vertrocknete Myrtenkrone im Silberhaar. Dem alten Balthasar aber mußte man die heilige Spende ans Krankenlager bringen, denn ein Schlagfluß hatte ihn darniedergeworfen und seine Auflösung war nahe.
An diesem Sonntage noch ging mit der Himmelssonne auch der treuen Anna Lebenssonne unter. Und um Mitternacht folgte auch Balthasar nach. Es wurden diese beiden an einem Tage begraben. Oswald und Anna ruhen in einem Grabe. Des treuen Freundes Balthasar Grab aber war nahe an Oswalds Seite, und Tausende von Tränen weihten ihre stille Ruhestätte.

Noch heute heißt aber die Hauptzusammenkunft der Bergknappschaft zu Ehrenfriedersdorf, die zugleich die Begräbnis-Brüderschaft ist, und welche am Montag nach Ostern abgehalten wird, zum Andenken an obige Begebenheit, die lange Schicht.

(Quelle: Die Silberne Rose - Europäische Bergmannssagen von Blechschmidt, Leipzig 1984, Sagenbuch des Erzgebirges von Köhler, Schwarzenberg 1886)





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ott schuf zwar die Zeit, aber von Eile hat er nichts gesagt. - Wer´s glaubt
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